Der Mensch

Der Mensch ist Bewegung. Bewegung entsteht durch Spannung. Spannung erscheint, wenn in dem Einen Punkt Energie freigesetzt wird. Dieser schlichte und einfache dreifache Befund beschreibt das schwer zu fassende Phänomen Taiji Quan zur Gänze. Ich biete Taiji Quan als waffenlose Kampfkunst, als Waffenkampfkunst und als Energiekunst an. Drei Künste, die eigentlich eine Kunst sind.

Die Kampfkunst bedingt die Energiekunst und die Energiekunst bedingt die Kampfkunst. „Es“, die Energiekunst, ist nicht leicht zu versehen und gegenüber der Kampfkunst flüchtig, nebulös und schwer wahrzunehmen, weil eben immer in Bewegung und ewig von Spannung getrieben von einem Pol zu anderen fließend. „Es“, Leben, ist immerwährende Bewegung, die wird und vergeht, ohne Pause, ohne Unterlass. Wir Menschen stehen mit unseren körperlichen, seelischen und geistigem Leben in der Mitte zwischen Werden und Vergehen und nennen diesen Zustand die Gegenwart. Bewegung und Spannung erzeugen unaufhörlich Wechsel, und unaufhörlicher Wechsel führt in unserer beschränkten Wahrnehmung zu dem, was wir Gegenwart nennen, aber eben durch unsere Wahrnehmung eigentlich Vergangenheit ist. Beschränkt man seine Wahrnehmung auf die Vergangenheit führt dies geradewegs zur tödlichsten Krankheit unserer Zeit, der Verkopfung.

Man kann „Es“ erlernen, fühlen und anwenden – wenn man den Wechsel in seiner zuweilen brutalen oder uns unangenehmen Form zulassen kann und den Einen Punkt findet, in dem durch Lösen im Hier und Jetzt Energie frei wird. Nur durch „Es“ wird Taiji Quan zu dem was es ist, ohne das „Es“ wäre Taiji Quan nur eine Kampfkunst, die im Waffenlosen hauptsächlich auf den Stücken von General Qi Jiguang („1528-1588“) gegründet wurde, in der Waffenkampfkunst auf Qi Jiguangs Lehrer Yu Da You („1503-1579“) beruht.

Aber ohne Kampfkunst könnte man „Es“ in seiner gnadenlosen Wechselsinnigkeit nicht verstehen, geschweige denn ertragen. Das Leben zu ertragen ist nicht immer einfach. Kampfkunst ist zutiefst menschlich, bekanntlich strebt der Mensch nach Gegensatz, also Spannung. Gegensatz ist die Grundlage der menschliche Erfahrung und Gegensatz ist als Spannung der Antrieb der Energiekunst. Harmonie in Kampfkunst und Energiekunst entsteht durch das Mittel des Nachgebens – was heute oft mit Aufgeben verwechselt wird. Nachgiebigkeit ist aber nicht anderes als die höchste Form der Aktion, so wie Ruhe die höchste Form der Bewegung ist.

Ruhe führt zum Lösen und setzt damit Energie in uns frei. Bewegung im Fluss führt zum Binden, und speichert somit diese Energie in uns oder an uns. Der Wechsel in der Bewegung gibt die Energie wieder ab und erzeugt damit einen neuen Kreislauf gegensinniger Art in der Bewegung. Wir nennen so etwas ein Perpetuum Mobile, der Antrieb des Perpetuums ist die Spannung, Nachgiebigkeit ist das Mittel oder der Wechsel des Perpetumms. Somit benötigt das Perpetuums keine eigene Energiequelle – sie erhält die Energie über den Einen Punkt und die Ruhe. Ruhe im Streit.

Die Kampfkunst kann man nach historischer Vorlage in waffenlose Kampfkunst und Waffenkampfkunst unterteilen, in der es jeweils vier Disziplinen gibt (Schlagen, Treten, Nahen und Schieben sowie Glefe, Speer, Schwert und Messer). Ferner gibt es historisch die Kampfkunst zu Pferd, mit dem Schild und mit Fernwaffen wie Pfeil und Bogen, Wurfspeer oder Muskete, was die Feuerwerkerei mit einschließt. Im Taiji Quan werden heute Reiten, Schild, Fernwaffen und Feuerwerkerei nicht mehr unterrichtet, was sich aber in historischen Zeiten anders dargestellt haben muss, wenn man sich die überlieferten Namen der Shi/ Stücke ansieht.

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